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Aufbau West: Arbeit an der Demokratisierung des deutschen Massenbewusstseins

Bestseller der Literatur, des Sachbuchs und
der (Populär-) Wissenschaften von 1945 bis 1961

Von vielen Deutschen wurde das Ende des Zweiten Weltkriegs als eine bittere Niederlage empfunden, die Konfrontation mit den Verbrechen der Nationalsozialisten als eine peinliche Zumutung. Filmdokumente der Amerikaner, die nach der Befreiung von Konzentrationslagern die deutsche Bevölkerung dazu aufforderten, sich das Elend anzuschauen, geben beredte Auskunft über die fehlende Bereitschaft, sich mit dem Nationalsozialismus und der eigenen Rolle darin zu beschäftigen. Karl Jaspers nannte es in seinen Vorlesungen über die „Schuldfrage“ 1946 eine „grausame Tatsache“, dass „jeder Deutsche, jeder von uns, heute seinen Wirkungsraum dem Willen oder der Erlaubnis der Alliierten“ verdanke. Er stellte sich die Frage, worin nach dem Untergang des Faschismus das Gemeinsame der Deutschen bestehe, und fand als Antwort nur „Negatives“: „In Grundzügen gemeinsam ist uns Deutschen heute vielleicht nur Negatives: die Zugehörigkeit zu einem restlos besiegten Staatsvolk, ausgeliefert der Gnade oder Ungnade der Sieger; der Mangel eines gemeinsamen uns alle verbindenden Bodens; die Zerstreutheit: jeder ist im Wesentlichen auf sich gestellt, und doch ist jeder als einzelner hilflos. Gemeinsam ist die Nichtgemeinsamkeit.“ Weder Jaspers, der Philosoph und Wissenschaftler, noch viele andere Intellektuelle und Schriftsteller haben freilich diese negative Gemeinsamkeit einfach hingenommen. Sie arbeiteten vielmehr auf dem Gebiet der Kultur am Wiederaufbau eines geistigen Lebens in Westdeutschland.

Diese Arbeit fand auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen statt. Einer geistigen und künstlerischen Avantgarde ging es darum, die deutsche Kultur und Literatur zu „erneuern“ und sie so wieder in den Kreis der anerkannten Weltkulturen zurückzuführen. Paradigmatisch dafür steht – zumindest der allgemeinen Auffassung nach – die Gruppe 47, „eines der wenigen Foren – und für Literatur im Grunde das einzige –, das abseits der offiziellen Sprachregelungen und Ressentiments neue Formen von demokratischer Öffentlichkeit einübte“ (Helmut Böttiger). Daneben entwickelte sich eine – bislang kaum beschriebene – neue Massenkultur, deren Beschaffenheit sich nicht aus programmatischen Diskussionen und Selbstreflexionen ableiten lässt, die vielmehr abzulesen ist an dem Inhalt dessen, was sich auf dem Markt durchsetzt: den Bestsellern aus den Bereichen der Literatur, Sachbuch und (Populär-)Wissenschaft. Nur ausnahmsweise finden sich unter all diesen äußerst erfolgreichen und massenhaft verbreiteten und gelesenen Werken solche, denen die Absicht zu entnehmen ist, einen bewussten Beitrag zur Demokratisierung und zur Entnazifizierung zu leisten. Das Fehlen einer solchen Absicht hat ihnen in der Literatur- und Kulturgeschichte umgekehrt den Vorwurf eingebracht, ungeniert den durch den Nationalsozialismus gewohnten Blick, gemischt aus Autoritätsgläubigkeit, Mystizismus und Gewaltverherrlichung, fortzuschreiben oder sich in unpolitischem Eskapismus zu erschöpfen. Doch der Vorwurf übersieht, dass auch die unterhaltsamen und populären Werke Lesarten anboten, die nationalsozialistische Vergangenheit neu zu interpretieren, die Kriegserfahrung aufzuarbeiten, den Überlebenskampf der Nachkriegszeit zu beschreiben, und dass sie Geschichten über die neuen Familien- und Arbeitsverhältnisse erzählten, die sich weder ästhetisch noch weltanschaulich als bloße Anknüpfung an den Nationalsozialismus erweisen. Diese Lesarten entsprechen vielleicht nicht dem Ideal der Demokratisierung, das bis in die siebziger Jahre als uneingelöst galt. Sie geben aber Auskunft darüber, welche Angebote für ein ideelles Arrangement mit den neuen Lebensverhältnissen in den westlichen Besatzungszonen und der aus ihnen entstandenen Bundesrepublik der Bevölkerung von den Kulturschaffenden unterbreitet wurde und von ihr angenommen wurde. Diesen Beitrag der Bestsellerliteratur zur Herstellung eines neuen kulturellen Fundaments der westdeutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gilt es zu beschreiben und zu bestimmen und damit die Erforschung der Nachkriegskultur als einem Massenphänomen weiterzutreiben.

An diesem Forschungsvorhaben arbeiten Studierende und Promovierende der germanistischen Literaturwissenschaft, der Komparatistik und der Soziologie seit Sommersemester 2017 gemeinsam im Rahmen des „Forschungskolloquiums zur Literatur des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ unter Leitung von Prof. Dr. Andrea Jäger. Geplant ist die sukzessive Veröffentlichung von Aufsätzen auf den Seiten des eigens dafür eingerichteten Forums.

Lena Höft untersucht in ihrem Dissertationsprojekt Bestseller des Nationalsozialismus aus dem Bereich des Sachbuchs, die nach dem Krieg sehr rasch erneut und wieder erfolgreich aufgelegt wurden, allerdings nachdem sie weltanschaulich überarbeitet worden waren. Die vorgenommenen Änderungen geben Auskunft darüber, was überhaupt als nicht mehr hinnehmbares Gedankengut des Nationalsozialismus identifiziert wurde.

Felix Krafts Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Kriegsromanen nach dem Zweiten Weltkrieg. Er geht der Frage nach, wie die Darstellung des Kriegsgeschehens die subjektive Erfahrung rückwirkend interpretiert und damit ideell überwindet, pflichtbewusst und opferbereit in einem Krieg gekämpft zu haben, der – weil er in völliger Niederlage endete – nicht nur in der Perspektive der Siegermächte, sondern auch in der der deutschen Bevölkerung seine moralische Legitimation eingebüßt hat.

Johannes Vogel untersucht in seinem Dissertationsprojekt Romane, autobiographische Schriften und Briefe über die Konzentrationslager und geht dabei vor allem der Frage nach, wie sich in der Vergegenwärtigung der Lagerhaft ein Diskurs über das Recht, das Unrecht und die Strafe entfaltet, der sich als Teil eines neuen Rechtsbewusstseins von unten verstehen lässt.

Peter Becker arbeitet an einer Bachelorarbeit zu Horst Mönnichs Roman „Die Autostadt“, der paradigmatisch für Verfahren der Entnazifizierung die Geschichte des VW-Konzerns (um-)schreibt. Ein besonderes Augenmerk gilt der Darstellung des Verhältnisses der Arbeiter zur Produktion, die eine Art Gegenentwurf zum Gründungsmythos Arbeit der DDR entfaltet.

Marco Kühn arbeitet an einem Aufsatz über den soziologischen Bestseller „Die skeptische Generation“ von Helmut Schelsky und fragt insbesondere nach der soziologischen Interpretation des Verhältnisses der Jugend zur Arbeit.

Karl Sommer arbeitet an einem Aufsatz zu Ernst Jüngers Zukunftsroman „Heliopolis“, Benjamin Kirchhoff an einem Aufsatz über Ernst von Salomons noch heute verlegten autobiographischen Roman „Der Fragebogen“. In beiden Aufsätzen soll geklärt werden, wie sich die Kontinuität einer dem Faschismus nahestehenden Weltanschauung bewahrt und sich zugleich vom Faschismus abzugrenzen versteht.

Philipp Köhler arbeitet an einem Aufsatz zu den unterhaltsamen Episodenromanen und Hörspielen über die Familie, insbesondere zu der Bremer Hörspielreihe „Die Meierdiercks“. Thema seiner Untersuchung ist das Familienbild, das darin neu entworfen wird.

Marie-Theres Gebhardt arbeitet an einem Aufsatz zu dem gegenwärtigen Bestseller über die Nachkriegszeit „Zeiten des Aufbruchs“ von Carmen Korn. Sie geht darin der Frage nach, welche Neuinterpretation diese Zeit heutzutage erhält, wie vom Ausgang – einer inzwischen wieder vielerorts infrage gestellten – Demokratie her deren Beginn beschrieben wird.

Sebastian Löwe, Kulturwissenschaftler und Designtheoretiker, untersucht die Rolle der Werbung für die Transformation hin zu einer demokratischen Kultur. Kern der Untersuchung bildet die Frage nach der Art und Weise, in der die massenhaft rezipierte Printwerbung nach dem Krieg visuelle und rhetorische Verfahren einsetzt, um sich gegen eine nationalsozialistische (Konsum-) Kultur abzugrenzen. Beantwortet werden soll diese Frage anhand einschlägiger Beispiele aus Printmagazinen ab 1947 und mit Hilfe von visuell-semiotischen Analysemethoden. Besonderes Augenmerk gilt der Verbindung von Typografie und Illustration in den Werbeanzeigen.

Steffen Hendel untersucht in einem Aufsatz die Radiopraxis der unmittelbaren Nachkriegszeit – auch in den literarischen Programmen von Millionen rezipiert. Insbesondere geht es um Ernst Schnabels Feature „29. Januar 1947“. Es basiert auf 35.000 Zusendungen von HörerInnen und ist, anders als im ursprünglichen Skript behauptet, mehr als deren „Summe“. Das Feature gibt einen als repräsentiv geltenden Einblick in die Lebenslage des Nachkriegs, gleichzeitig aber stiftet es eine sinngebende Perspektive für Gegenwart und Zukunft.

Hier werden sukzessive die Beiträge des Projekts publiziert.

Transatlantische Ideenzirkulation und Ideentransformation

Die Wirkung der Aufklärung in den aktuellen frankokaribischen Literaturen

Ein DFG-gefördertes Projekt von PD Dr. Natascha Ueckmann zusammen mit Prof. Dr. Ralph Ludwig (Universität Halle) und Prof. Dr. Gisela Febel (Universität Bremen).

Laufzeit 2017/18 bis 2020/21

Nähere Informationen auf der Internetseite > http://www.lumieres-caribeennes.uni-bremen.de/.

Im Rahmen des gesamten Projekts fand das Seminar „Die dunkle Seite der Aufklärung“ mit einer Exkursion mit Studierenden nach Nantes im März 2019 statt. Dazu ist unter dem Titel Spuren der transatlantischen Sklaverei in Frankreich ein Blog entstanden, > https://nantes2019.wixsite.com/koloniales-erbe

Vom 14. bis 16. Mai 2020 wird eine Internationale Tagung an der Université Sorbonne-Paris zum Thema Les Lumières et les nouvelle littératures antillaise stattfinden.

Migration und Flucht: Theater als Verhandlungs- und Partizipationsraum im deutsch-französischen Vergleich (1990 bis heute)

Nachwuchsforschergruppe der Hans-Böckler-Stiftung

Eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschungsgruppe; betreut von PD Dr. Natascha Ueckmann (Universität Halle) und Prof. Dr. Romana Weiershausen (Frankophone Germanistik, Universität des Saarlandes).

Laufzeit 2019 bis 2022

Nähere Informationen auf der Internetseite > http://theatertexte.uni-saarland.de/flucht-migration/.